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Amerikanische Sunday-Comics-Bilderträume im Full-Format

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Autor und Quelle: Klaus Nonnast, 11/2021

Man mag es als ein „Einzelschicksal“ werten, man mag es ärgerlich nur zur Kenntnis nehmen, kann aber auch zur Tagesordnung übergehen, das ist dem jeweiligen Betrachter überlassen. Ich aber, ein eifriger europäischer, ein deutscher Sammler seit Jahrzehnten, fühle mich doch schlicht schlecht behandelt. Von Verlegern, die ein amerikanisches Erzeugnis, das 1937-1991 in den Sonntagsbeilagen Comics deren Zeitungen stattfand, nach Europa transformierten, um es sich hier für ihre Zwecke „zurecht zu zimmern“. Die aber dabei vergaßen, dass ihre Festlegung auf kostengünstigere Kleinformate die schöpferische Basis der amerikanischen Original-Fassung negierte, deren Originalität ihre Comic-Kunst »harakierte« und sich selbst beschnitt.

Gewiss: amerikanischer Geschmack, Ansprüche, Erwartungen, Verhalten sind nur bedingt mit denen auf dem Kontinent vergleichbar. Wo selbst die Steckdose und der elektrische Stecker andere Dimensionen haben, erst recht, wo Zeitungen ihren eigenen Formaten und Erwartungen genügen müssen, ist es nicht einfach, Grafik 1:1 nach Europa zu adaptieren. Doch hätte man erwarten dürfen, dass die Herren Verleger letztlich davor zurückschrecken, die Hand an dieses uramerikanische Kunstwerk zu legen. Die Comic-Kunst eines Hal Fosters, dem vielfach ausgezeichneten König der USA-Illustratoren, in ihrer Originalität einfach zu akzeptieren.

Doch leider nützen im Nacheinher alles Wehklagen nichts, denn sie t a t e n dem Comic ihre formatliche Gewalt an. Weil Europa weniger den klassischen Zeitungscomic kennt und dieses Medium fast ausschließlich in Broschüren oder Bücher packt, entstand ein massives Platzproblem auf Verleger-Schreibtischen. Da war zum einen der Gedanke an ein attraktives Kaufprodukt, da war aber auch ihr Kostenrahmen, den sie zu beachten hatten. Bei diesem, nur schwierig auflösbaren, Konflikt zwischen Kunst und Geschäft unterlagen leider die ästhetischen Gesichtspunkte, wurde der Wunsch des Künstlers nach ausreichendem Platz und Optimum bezüglich seiner Zeichenstift-Schöpfungen hier hinten an gestellt.

Deshalb bekam Europa die Fülle von Einzelbildern der Sunday-Comic-Pages meist nur im Micky-Mouse-Format zu Gesicht. Das amerikanische „Full-Format“ von ca. 39 x 55 cm, das die Darstellung von Handlung, Landschaften und Personen in ausladender Form, anatomisch korrekt bis in die letzte Hautfalte, zuließ, verschwand, durch die Verkleinerungslinse geschrumpft, im Nirwana. Der europäische Sammler aber, von Anfang 1950 darauf fixiert, die Handlung nur in kleineren Bilder genießen zu können, nahm dies klaglos hin. Er kannte das amerikanische Format ja nicht. Einzelne Vergrößerungen als Buchtitel ihres Helden zu Pferd, im Duell oder Kreise seiner Familie, ließen ihn davon zwar träumen, wie schön es wäre, wenn große Bilder ihm die mittelalterliche Eisenherz-Welt vermitteln würden. Doch an den sparsamen Verlegern und ihrem „Verständnis für Comic-Kunst“ führte hier kein Weg vorbei.

Erst als sich der Wiener Verleger Pollischansky in den 70ern des vorigen Jahrhunderts dazu entschloss, eine 12-teilige Comic-Buchreihe – die Comic-Gallery - auf den Weg zu bringen – große, überformatige Jahrgangsbände – schien der Bann teilweise gebrochen. Der Zauber dieser einmaligen Bildergeschichte erschloss sich damit zum ersten Mal auch dem begeisterten europäischen Sammler.

Nach Pollischansky folgte knapp 25 Jahre später Splitter aus München mit 19 Einzeljahresbänden, auch diese im Überformat und in verschiedenen Varianten. Der inzwischen neue, nachgewachsene Leserkreis aus jüngeren Personen nahm den „Genuss“ durch die großformatige Bilder begeistert auf. Leider beendete Pollischanskys Verlust der Lizenzen sein verlegerische Experiment.

Im Jahr 2006 entschloss sich aber ein Bonner Comic-Antiquar, Achim Dressler, das Abenteuer einer Buchreihe mit allen Eisenherz-Jahrgängen einzugehen. Er hatte das Glück des Tüchtigen. So konnte er eine lückenlose 784 teilige Full-Format-Sammlung (zwischen 1937-1971 erschienen) mit den sorgfältig archivierten Full-Pages (einzeln in Spezialkunststoff-Folien) erwerben. Aber Zeitungspapier unterliegt großen Alterungsprozessen. Es vergilbt.

Deshalb scannte er alle alten Zeitungsfolgen ein und entschlackte sie digital mühevoll vom Vergilbungseffekt. Zwar verkleinerte er das amerikanische Full-Format auch um einige Zentimeter, blieb dabei aber maßvoll. Unter dem Verlagsname Bocola erschien nun so das Foster-Gesamtwerk in 18 Bänden, qualitativ mit der Ersterscheinung in den Sundaypages durchaus vergleichbar und im akzeptablem Bildformat im deutschsprachigen Raum. Später, weil der Käuferkreis der Bände ihn drängte, setzte Dressler seine Arbeit mit den drei Foster-Nachfolgern John Cullen Murphy, Gary Gianni und Thomas Yeates in inzwischen weiteren 25 Bänden 1) erfolgreich fort.

Zurück zu mir [dem Autor dieser Zeilen]. Von den ersten Tagen der Veröffentlichung in Deutschland und anderen Ländern in Europa habe ich Eisenherz gesammelt und zusammengetragen, was mir möglich war. Dabei habe ich z.B. ca. 1000 Pages aus einem Blatt der Yellow-Press im Half-Format (c.22,5 x 34 cm ) Woche für Woche angehäuft, stolz, die laufende Serie immer komplett vorzuhalten. Dann der „Schock“: nach sage und schreibe 70 Jahren sollte ich erstmals von der Existenz eines großformatigen Full-Formats der Erstveröffentlichungen in den frühen Eisenherz-Jahre in USA erfahren!

Ich war verblüfft, irritiert und konnte kaum glauben, was mir da erzählt wurde. Dressler schickte mir eine 3-Bilder-Kostprobe, die ich - weiterhin verblüfft – ziemlich fassungslos in Händen hielt. Die einzige Frage in diesem Moment war: warum hat man uns hier in Europa dieses Wahnsinnsformat, diesen Comic-Kunst-Genuss-Pur so lange vorenthalten? Langsam fand ich mich damit ab, meine Neugierde kehrte zurück. Schließlich raffte ich mich auf, wollte das Gehörte selbst in Händen halten, kaufte eine Serie mir in USA angebotener Full-Pages auf.

Es war ähnlich wie Weihnachten in der Kinderzeit. Als das Paket mit den Fulls aus USA bei mir eintraf, überkam mich gewaltige Vorfreude. Diese Pages in Original-Größe von Hal Foster zu Papier gebracht und amerikanischen Druckern vervielfältigt, übertrafen trotz sichtbarem Alterungszustand all meine Erwartungen. Gebannt starrte ich auf die plakatgroßen Drucke. Motive, die ich natürlich kannte, deren Details mich aber unglaublich beeindruckten. Zwangsläufig fing ich an, Vergleiche mit meinen kleinformatigeren Abzügen (Halfs) mit einzelner Folgen zu ziehen. Dabei wog in mir das bittere Gefühl, dass ich all die Jahre mit hinteren Plätzen bei meinem Comic-Thema abgespeist worden war.

Aber Irritation hin, Verwunderung her, ich bin glücklich, ein kleines Teil Foster-Kunst in Originalgröße kennen gelernt zu haben, eine Winzigkeit davon sogar zu besitzen. Mit der Folge 1785 war ohnehin Schluss mit dem Full-Format. Die Zeitungsredaktionen spielten nicht mehr mit. Sie wollten in den „Funnys“ am Sonntag noch mehr Serien sehen und sich die Comic-Seite nicht ausschließlich von Eisenherz beherrschen lassen. Foster hatte aus Altersgründen inzwischen seine Rechte an King Features verkauft. Der neue Rechteinhaber akzeptierte die Wünsche seiner Lizenznehmer. Halfs für eine einzelne Serie waren jetzt zeitgemäßer, Fulls gehörten der Vergangenheit an.

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Stand Dezember 2021
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sonntagsseite_formate.txt · Zuletzt geändert: 13.12.2021 15:55 (Externe Bearbeitung)